Monthly:September 2016

Paul Stecken

Heute Nacht ist Paul Stecken verstorben. Er war ein wunderbarer Mensch und ein väterlicher Freund!

 

… Als ich Herrn Stecken vor fast zehn Jahren kennen lernte, war ich begeistert, beeindruckt und fasziniert zugleich von diesem Mann der irgendwie alles zu wissen schien. So viel, wie ich es wohl nicht mehr erlernen und erarbeiten kann.

Es war eine große Sympathie vom ersten Telefonat an und daraus wurde in den vielen Jahren eine große Verbundenheit. Ich weiß nicht mehr, wie viele Telefonate wir geführt haben, wie oft wir zusammen gedeckten Apfelkuchen mit Sahne oder auch Sachertorte gegessen haben, wie viele Fachgespräche wir geführt haben. Manchmal haben wir 4-5x in der Woche telefoniert und wenn ich mich dann einmal für einige Tage nicht gemeldet habe, dann hat er Sabine Volkmer von seinem wie er es nannte „Schreibbüro“ veranlasst, mir eine Nachricht zu schicken, dass ich mich bei ihm melden sollte. Wenn ich dann anrief, brauchte ich meinen Namen gar nicht nennen und er fragte dann unwahrscheinlich herzlich: Und, wie geht es der Frau Schmatelka?

Wann immer er einen interessanten Artikel, ein gutes Buch oder ein Interview gelesen oder gehört hatte, sagte er: Das brauchen Sie noch für Ihren Wissensstand. Sie kennen sich doch mit dem Kasten so gut aus, können Sie sich das besorgen. Dann habe ich das während des Telefonates im Internet rausgesucht und da war immer seine Aussage: Donnerwetter, was man damit alle machen kann. Meinen Sie, ich sollte so etwas doch noch haben?

Dann irgendwann haben wir zusammengesessen und viele Stunden mein Buch: „Die Losgelassenheit des Pferdes“ besprochen, überarbeitet und Bildunterschriften perfektioniert. Die Bildunterschriften waren immer sehr wichtig. Sie mussten präzise, eindeutig und kurz beschreibend formuliert sein.
An diesem Tag waren wir dann auch in seinem Büro im Keller seines Hauses. Wir saßen in seinem Wohnzimmer und dann stand er auf einmal auf und meinte: Ich habe in meinem Büro noch ein gutes Foto. Das muss da noch rein. Kommen Sie mit! Dann sauste er die Wendeltreppe zwei Stufen auf einmal nehmend in den Keller (und ich dachte noch: Wie kann der mit seinen 96 da die Treppe so runter sausen und auf meinen Einwurf: Sind Sie eigentlich wahnsinnig?, kam die lachende Antwort: Man muss doch fit bleiben). Dann begann nach dem Foto zu suchen, auf einem Schreibtisch, der über und über voll war mit Fotos, die er in 60 Jahren wohl gesammelt hatte und ich dachte noch: Wie will man in diesem Chaos etwas finden… und schwups, zog er ein Foto irgendwo aus der Tiefe hervor und meinte: „Das ist es. Das ist ein perfektes Foto zum Zügel aus der Hand kauen lassen. Das ist Tom de Ridder an der Schule mit Pferd X im Jahre 19xx. Ja ja, die Pferde gehen so gerne richtig…. “
Ich hatte den Namen des Pferdes auf dem vergilbten Foto schnell wieder vergessen. Er aber wusste sie alle noch. Er hatte noch im Kopf, wann, wer bei ihm zum Lehrgang war und welches Pferd die jeweilige Person dabei geritten hatte.

Wie oft bat er mich, ihm doch Fotos vom Bundeschampionat, Preis der besten, Horses and Dreams und alle die anderen großen Veranstaltungen für ihn zu machen, da er das für seine Unterlagen würde brauchen können, um darüber immer aktuell im Bilde zu sein. Von vielen Ritten internationaler Reiter habe ich Laufe der Jahre Videos zusammengestellt und wir haben diese durchgesprochen. „Sie müssen Ihr Auge bis zur Perfektion schulen, damit sie immer alles im Blick haben.“ Das waren seine Worte. Damit hat er mich angespornt zu üben und meinen Blick zu perfektionieren.
Vor wenigen Wochen noch haben wir wieder einmal über Video gesprochen und da meinte er scherzhaft: „heute entgeht Ihnen nichts mehr, sie haben sich ganz viel erarbeitet und verstanden und sie denken schnell und bis zum Schluss. Damit kann nicht jeder (Mann) gut umgehen“. Was haben ich über seine Sprüche gelacht, die immer so trocken und meist Breitseiten waren….

Ich erinnere mich an ein Buch einer bekannten Persönlichkeit, die sich über Hunderte von Seiten über ein Thema ausließ, dass man hätte in seinen Augen – und da lag er wie immer richtig – auch kurz zusammenfassen können. Er meinte dazu dann nur: „Das Schreiben liegt ihm nicht. Er sollte es besser lassen!“ und dann kam noch der kleine Seitenhieb: „Das Buch ist SEEEHR ausführlich. Man hätte es auf die wesentlichen Dingen reduzieren können. Aber die Zeichnungen, die sind gut“ und dann zu mir gewandt: „Sie müssen auch immer etwas Postives finden, wenn Sie etwas anmerken. Das nennt man Diplomatie. Es kann gut sein, wenn man das kann.“ und wieder musste ich so lachen, denn meine diplomatischen Fähigkeiten sind wirklich nicht ganz so gut entwickelt.

Vorhin habe ich mit Sabine Volkmer telefoniert, die über 30 Jahre für ihn gearbeitet hat. Wir haben über die amüsantesten Momente mit ihm gesprochen. Eines fiel uns beiden dann noch ein und wir haben herzhaft lachen müssen und ich dachte, das würde ihm jetzt gefallen:

Vor ca. zwei Jahren im Winter meinte er bei einem Telefonat, dass ihm das Autofahren momentan doch etwas schwerfallen würde. Ich fragte, ob er darüber nachdenken würde, den Führerschein jetzt mit 98 abzugeben? Seine Antwort war so herrlich: Die Fahrertür wäre seit einigen Wochen defekt und er musste über die Beifahrerseite ins Auto klettern und das sei sehr mühsam, da er so schlecht über den Schaltknüppel drüber käme. Er hatte aber keine Lust, die Werkstatt anzurufen, denn dann wäre er nicht motorisiert….

 

Bei all der Trauer, die mich heute überkommt, muss ich über die vielen Scherze, seine amüsante Art, die Dinge zu beschreiben jetzt lächeln.

„Ich bin ein Zeitzeuge“, pflegte er zu sagen. Ja, das war er! Er hat in 100 Jahren so viel gesehen, erfahren und erlebt, wie es nur wenigen vergönnt ist.

Ich möchte ihm danken für die gute Zeit. Dafür, dass ich so viel lernen durfte von diesem wunderbaren alten Mann der mir immer in allen Bereichen mit wertvollen Tipps, Ratschlägen und freundschaftlicher Hilfe zur Seite stand.

Danke Paul Stecken. Ich werde Sie nie vergessen!

Vielseitige Ausbildung des Pferdes – auch im Gelände!

 vielseitige_ausbildung_1
„Der Reitunterricht findet auf dem Reitplatz, im Gelände und in der Reitbahn statt. Im Verlauf der ganzen Ausbildung müssen sich der Unterricht in der Bahn bzw. auf dem Reitplatz und im Gelände ergänzen. Sooft wie möglich muss der Reitunterricht aller Abteilungen ins Gelände verlegt werden. Dort werden Reiter und Pferd auf langen Linien und über unebenem Boden ausgebildet.“ (HDV12, 1937)

 

 

Heute ist es normal, dass Pferde ihre Ausbildung vom ersten Tag ihres Reitpferdelebens an in der Halle oder auf dem Reitplatz verbringen. Zu Beginn an der Longe und später unter dem Sattel. Die jungen Pferde gewöhnen sich daran. Ihre Losgelassenheit, die Fähigkeit, sich auszubalancieren, die Kräftigung von Sehnen, Gelenken und Bändern rückt dabei leicht in den Hintergrund. Die Belastungen durch enge Wendungen, die sich in einer 20x40m oder 20x60m Halle nicht vermeiden lassen, beanspruchen die noch so unfertigen Gelenke sehr schnell zu stark. Die jungen Remonten verspannen sich, verlieren an natürlicher Bewegung und nicht selten den Spaß an der Arbeit. Immer mehr Pferde werden vier, fünf oder sechs Jahre alt und waren noch nicht ein einziges Mal im Gelände.

Dann wird es oftmals schwierig und viele Reiter haben Pferde, die man im Gelände schlecht oder gar nicht managen kann. Spaß macht das nicht!

Noch vor weniger als 100 Jahren wurde das anders gehandhabt. So wie das Pferd unter dem Reiter soweit zu bedienen war, dass „Gas, Lenkung und Bremse“ funktionierten, ging es hinaus auf große Plätze, lange Waldwege, große Wiesen, Stoppeläcker. In frischem Tempo losgelassen und in Dehnungshaltung vorwärts. Trab-Galoppübergänge im leichten Sitz, ausgedehnte Schritttouren mit hingegebenen Zügel. Im Allgemeinen mit einem routinierten Begleitpferd, hinter dem sich ein Youngster bei „großen Gefahren“ verstecken konnte.

Das ist heute in vielen Fällen nicht mehr möglich oder auch nicht mehr gewollt. Einem großen Teil der Ausbilder und Reiter zu aufwendig, manchmal auch nur mit viel Engagement überhaupt umzusetzen. Es ist nebenbei auch nicht ganz ungefährlich. Alles ist aufregend, bei der kleinsten Kleinigkeit kommt ein riesiger Satz zur Seite und wenn man dann als Pferd – evtl. auch noch unausbalanciert  – aus der Fassung gerät, kann das für den Reiter oben drauf auch schon mal ein schwieriges Unterfangen werden. Vor allem dann, wenn der selbst nicht ausreichend routiniert im Umgang mit Pferden im Gelände ist. Wer dann nicht schussfest ist, landet auch schon mal im Graben.

dsc_7257

Galoppieren auf großen gebogenen Linien kann man auch auf einer Wiese. Die Nase sollte dabei an der Senkrechten sein.

 

Diese Anfangsprobleme kann man aber recht gut umgehen. Man kann zu Beginn im Gelände auf einer Wiese longieren oder nach dem Longieren in der Halle die ersten Spaziergänge mit dem Pferd an der Hand unternehmen. Das schafft Vertrauen, macht cool. Wird es einmal gefährlich, ist der „beschützende Mensch“ ja ganz in der Nähe. Das Pferd lernt so ganz unkompliziert, dass das alles gar nicht so schlimm ist.

Grundvoraussetzung für eine solche Unternehmung ist allerdings, dass das Pferd die grundlegenden Kommandos an der Hand beherrscht. Dazu gehören Halten, Rückwärtsrichten, ggf. erste Seitwärtsbewegung durch Anlegen der Hand oder der Gerte an Schulter oder Rippe. Außerdem sollte das Pferd zu führen sein und man selbst Handschuhe tragen und mit Stahlkappen in seinen Schuhen ausgerüstet sein. Sollte das Pferd einmal zur Seite springen, verhindert man damit Plattfüße….

Macht man das über einen Zeitraum von ein paar Tagen, kann man nach Longieren als Lösungsphase den ersten Ausritt mit einem Begleitpferd unternehmen.

Wichtig ist hier, sein Pferd von Anfang an dazu zu erziehen, dass der Zügel im Schritt so lang ist, dass sich das Pferd den Hals fallen lassen, sich vorwärts-abwärts dehnen kann, die Nase Höhe des Buckgelenkes.

Man ist selbst sehr schnell dazu verleitet, die Zügel zu kurz zu nehmen, da man das Gefühl hat, man hat das Pferd im Notfall besser im Griff.  Dieser zu kurze Zügel bedeutet jedoch immer: Die Qualität der Grundgangarten leidet, das Pferd verspannt sich, hat nach einer gewissen Zeit Schmerzen im Bereich des Nackens, da die Muskeln in diesem Bereich noch zu schwach sind, um den Hals in dieser Position länger zu halten. Vor allem wird das junge Pferd dadurch unsicher. Denn: „Wenn der da oben mich so festhält, dann muss ja hier gleich was ganz Schlimmes kommen…“ Man kann sein Pferd dazu erziehen, dass der ausreichend lange Zügel kein Freifahrtschein zum Gasgeben ist, sonder heißt: Es ist alles gut!

Viele Pferde heizen sich auf, wenn sie die ersten Male im Gelände sind. Dann heißt es vorwärts reiten. Auch, wenn einem der zusammengezogene Schritt irgendwie sympathischer erscheint. Je enger man das Pferd  aber macht, je mehr man es in ein langsames, jedoch spanniges Tempo zwingt, umso schneller explodiert es. Die Verspannung muss ja irgendwann raus. Damit es erst gar nicht zu widersetzlichem Verhalten kommt, sollte der Reiter fleißig vorwärtstraben. Wenn die Möglichkeit besteht, kann man in solchen Situation auf einer Wiese auf einem großen Zirkel hinter dem Begleitpferd hertraben. Ist die Spannung raus, regen sich junge Pferde schnell wieder ab. Außerdem ist nach der ersten Aufregung der Youngster schnell müde.

Da ältere Pferde meist schon ökonomischer denken, ist auch dann nach dem ersten Übermut sehr schnell Ruhe eingekehrt. Nach ein paar Wochen wechselt man Trab-Galoppübergänge und Zügel aus der Hand kauen lassen mit ausgedehntem Schritt reiten mit hingegebenen Zügel ab und beginnt mit den ersten kleinen Klettertouren. Dabei sollte der Unterschied zwischen Berg und Tal allerdings nicht so groß sein. Ich versichere, wenn es bergab geht, kann das bei einem unerfahrenen und schlecht ausbalancierten Pferd schon mal eine ziemlich schaukelige Angelegenheit und man sieht sich schon selbst irgendwo im Gebüsch liegen… neben oder auch unter dem Pferd.

Auch erste Lektionen kann man im Gelände trainieren. Wegbiegungen eignen sich hervorragend für Viertel-Volten, bei denen man an Stellung und Biegung arbeiten kann. Abzweigungen für eine Viertel-Kurzkehrt oder Vorhandwendungen. Gerade Waldwege sind gut für erstes Schulterherein zu verwenden oder für ein gedankliches Viereck vergrößern oder verkleinern. Wiesenwege für Halten und Rückwärtsrichten und wieder Anreiten zuerst aus dem Schritt und später aus dem Trab. Baumreihen eignen sich bestens zum Reiten von Schlangenlinien und Achten. Diese Lektionen unterstützen Stellung und Biegung, verbessern die Längsbiegung beim Pferd. Tritte verlängern im Leichtraben und erste Sprünge verlängern im Galopp im leichten Sitz und später im Aussitzen erhalten die Aufmerksamkeit des Pferdes auf seinen Reiter. Sie schaffen die Sensibilität für gefühlvolle Hilfen und verbessern die Qualität der Grundgangarten.

Viele Reiter und Ausbilder glauben, dass ein Pferd, das in den ersten Ausbildungsjahren nur ins Gelände geht, dabei nicht genug lernen kann, aber das ist eine Fehleinschätzung. Macht man es richtig, fehlen für die dressurmäßige Ausbildung nach dieser Zeit nur noch die Bahnpunkte. Selbst die jedoch kann man gedanklich für sich festlegen: Ein Pfosten einer angrenzenden Weide, ein ausgesuchter Baum am Wegesrand oder auch Busch können sehr gute „Bahn“punkte sein, an denen man ganze Paraden üben kann, an denen man eine Volte platziert oder wo man einfach über eine Distanz X Zügel aus der Hand kauen lässt.

Auch später, wenn es an weitergehende Lektionen geht, ist das Gelände bestens geeignet. Stoppelfelder, wenn sie gerade sind, sind gute „Vierecke“ für erste langgezogene Traversalen oder Schulterherein mit anschließendem Zulegen oder einfache Galoppwechsel. Wegkreuzungen sind dann später bestens für die ersten Pirouetten zu nutzen. Gerade Waldwege verbessern Ausdruck und Qualität der Serienwechsel bis hin zu den Einerwechseln. Die räumliche Begrenzung in der Halle machen diese Lektionen für viele Pferde nicht einfach. Dieses Problem ergibt sich im „Busch“ nicht.

Neben grundlegenden Lektionen lassen sich auch kleine Sprünge über niedrige Baumstämme in die Ausbildung einbinden. Diese müssen auch nicht hoch sein. Schon das Traben über einen Baumstamm, unterstützt die Gleichgewichtsfindung, macht den Rücken richtig locker und den Pferden Spaß!

 

vielseitige_ausbildung_3

Schon kleine Sprünge unterstützen die Gleichgewichtsfindung beim Pferd.

 

Zu alle dem werden einem dabei noch ein paar wichtige Dinge geschenkt: Ein aufmerksames und zufriedenes Pferd, dass sich entspannt und losgelassen an die Hand des Reiters dehnt. Ein Pferd, das gesund bleibt und ein Pferd, das sich nach einer gewissen Zeit nicht mehr aus der Ruhe bringen lässt.

Dann macht Reiten Spaß!

Sehr viel Spaß J

Durchlässigkeit verbessern: Die Acht!

Durchlässigkeit_1

Beim jungen Pferd verbessert man mit der Acht unter anderem die Rippengeschmeidigkeit und beim weiter gerittenen Pferd die Rippenbiegung. Es ist eine Übung oder auch Lektion, bei der man beim Reiten und Ausbilden eines Pferdes sehr viel erreichen kann! Sie gehört zu den Grundlagen, sollte aber auch bei einem weiter ausgebildeten Pferd immer wieder in die Arbeit eingebunden werden. Sie ist ein Prüfstein für den reellen Ausbildungsstand des Pferdes, für Durchlässigkeit und Losgelassenheit. Denn nur, wenn sich das Pferd loslässt und die Hilfen durchlässt, auf beiden Händen in der Rippenpartie gleich geschmeidig ist, wird die Acht auf beiden Hände gleich gut gelingen!

Manche sehr guten und effizienten Übungen und Lektionen sind im Laufe der Zeit leider verschwunden… Zu ihnen gehört vermutlich auch die Acht. Man sieht es leider wenig, dass diese gute Übung regelmäßig in die Ausbildung des Pferdes eingebunden wird, dabei ist sie mehr als kostbar!

Das Ziel einer korrekten Ausbildung ist es, die Losgelassenheit des Pferdes zu erreichen. Nichts ist leichter als das, wenn man die Acht in die Ausbildung des Pferdes einbindet. In der Lösungsphase die große Acht und in der Arbeitsphase die kleine Acht.

Man kann sie kombinieren und variieren und man macht sich vieles einfach!

Dürchlässig_3

Das Pferd ist auf die gebogene Linie eingestellt. Die Reiterin tritt vermehrt in den inneren Bügel. Das Pferd nimmt das Gebiss an. Die Nase ist an der Senkrechten. Das Genick ist der höchste Punkt. Die innere Hand ist jedoch etwas zu weit eingedreht.

 

Warum die Acht nur noch wenig geritten wird ist nicht nachvollziehbar. Vielleicht scheint sie vielen zu einfach. Ich persönlich kannte sie ebenfalls nicht, hatte nie gelernt, sie zu nutzen. Vor vielen Jahren hat mir Paul Stecken einmal ein Dankschreiben einer Amerikanerin an seinen Bruder Fritz Stecken zum Lesen gegeben. Sie weist darin auf sein Buch „Training the Horse and Rider“ hin und bedankt sich dafür, dass sie durch Fritz Stecken den Wert der Acht verstanden hat. Beim Lesen dieses leider vergriffenen Buches stellte ich mit Begeisterung fest, was man mit dieser Übung – wenn man sie korrekt reitet – so alles erreichen kann!

Sie ist eine der besten Lektionen überhaupt! Man verbessert:

  • die Rippengeschmeidigkeit und im weiteren Verlauf die Rippenbiegung
  • die Lastaufnahme des inneren Hinterbeines
  • Die Schwungentwicklung
  • Stellung und Biegung
  • Den Muskelaufbau
  • Die Reaktionsgeschwindigkeit
  • Das Annehmen des Gebisses
  • Das Herantreten an den äußeren Zügel
  • Das Annehmen der Halben Paraden
  • Losgelassenheit und Durchlässigkeit

 

Durchlässigkeit_4

Mit Hilfe der Acht lernt das Pferd auch, das Gebiss anzunehmen und an die äußere Hand heranzutreten. Auf diesem Foto ist die Anlehnung nicht korrekt, da das Pferd das Gebiss noch nicht annimmt. Die Reiterin sollte das innere Hinterbein zu einem noch aktiveren Abfußen veranlassen. Das mit Halben Paraden alle zwei bis drei Tritte verbinden.

 

Man kann die Acht in allen Grundgangarten reiten. Man kann sie mit Zügel aus der Hand kauen lassen, mit Tempounterschieden und Übergängen, mit Übertreten lassen, Schulterherein, Travers und Renvers, mit einfachen und fliegenden Wechseln verbinden.

Durcjlässigkeit_5

Bei dieser Acht zeigt es sich deutlich: Stellung und Biegung sind hier nicht korrekt. Das Pferd nimmt das Gebiss nicht an. Die inneren Zügel hängen durch. Die Stute verwirft sich leicht im Genick. Die Nase kommt hinter die Senkrechte. Die Rippenpartie ist nicht ausreichend geschmeidig!

 

So einfach und so schwer!

Es ist nicht so einfach, eine Acht wirklich korrekt zu reiten. Wenn man sich allein schon einmal das Reiten einer Volte in sein Gedächtnis ruft, wird einem schnell schmunzelnd einfallen, dass Volten oftmals schon sonderbare Formen haben. Ein Ei, das Pferd kommt nicht an der Stelle auf dem Hufschlag an, wo man ihn verlassen hat, die beiden Hälften sind ungleich groß oder die Volte ist insgesamt viel zu groß. Die Pferde weichen über die Schulter aus, verwerfen sich im Genick, weichen mit der Hinterhand traversartig nach innen aus oder was auch immer. Fehlermöglichkeiten bietet die gute Volte ausreichend und hierbei handelt es sich „nur“ um die Volte. Bei der Acht wird es dann ungleich schwerer, denn man hat zwei Zirkel oder Volten nebeneinander, die man kreativ gestalten kann. Konzentriert man sich auf sein Pferd und dessen Bewegungsablauf, ist die fehlerfrei gerittene Acht das Kriterium schlechthin, wenn man überprüfen will, wie korrekt das Pferd auf die Hilfen reagiert, wie gut die Rippenbiegung entwickelt ist. Jedes Ausweichen, jedes Verwerfen, jedes in die Hand drücken, Herausheben oder das Gebiss nicht annehmen zeigt sich sofort. Mogeln kann man bei ihr nicht!
Wenn man beim jungen Pferd mit der großen Acht beginnt und in der weiteren Ausbildung auf die kleine Acht übergeht, sollte man sie erst im Schritt mit Zügel aus der Hand kauen lassen reiten. Beim weiter ausgebildeten Pferd kann man dann auch im Schritt schon sehr vielfältige Variationen entwickeln. Durch Übertreten lassen, durch travers- oder renversartiges Reiten. Man kann Wechsel zwischen Mittel- und versammelten Schritt reiten. Bei korrekter Ausführung führt allein das schon immer zur Losgelassenheit des Pferdes.

Es ist wichtig zu wissen, dass das Pferd den kleinsten möglichen Kreis in der Sechs-Meter-Volte beschreiten kann, wenn es auf beiden Händen sehr geschmeidig ist. Mehr Biegung lässt der Körper des Pferdes jedoch nicht zu. Würde man versuchen, einen noch kleineren Kreis zu reiten, müsste das Pferd mit der Hinterhand ausweichen, über die Schulter wegdrängen, sich verwerfen oder auf andere Weise versuchen sich zu entziehen. Jeder Reiter sollte einschätzen (lernen), wie viel Biegung er seinem Pferd abverlangen kann. In der Anfangszeit ist weniger mehr. Wenn man mehr Rippenbiegung vom Pferd verlangt als das Pferd leisten kann, führt das nur zu unnötigen Verspannungen. Das gilt übrigens für alle Lektionen und nicht nur für die Acht.

 

Fehler, Hintergründe und ihre Korrektur

Das Pferd lässt sich bei der Acht nicht korrekt auf die Kreislinie einstellen und drängt vor allem oft auf der linken Hand über die äußere Schulter weg.

Durchlässigkeit_5

Das Schwarzwälder Kaltblut ist im Hals zu viel abgestellt. Die innere Hand der Reiterin ist zu weit in Richtung Bauch geführt. Das Pferd weicht dadurch über die Schulter aus. Es ist schwierig, so eine engere Wendung korrekt zu reiten.

 

Dieses Problem findet man häufig, wenn das Pferd ist noch nicht im Gleichgewicht ist, ihm die Längsbiegung schwerfällt. Auf der linken Seite ist es aufgrund der natürlichen Schiefe steifer. Es versucht über die Schulter weg zu drängen, um sich der Biegung zu entziehen. Auch versuchen Pferde, wenn sie nicht gerade gerichtet sind, sich gegen die innere Schulter zu drücken und sich dabei nach außen zu stellen. Vielfach liegt es aber auch am Reiter. Er gibt mit der inneren Hand nicht nach. Die innere Hand wirkt rückwärts, die Halben Paraden am äußeren Zügel fehlen und der innere Schenkel liegt zu weit hinten. Der Reiter knickt in der Hüfte ein. Dadurch kann das Pferd das Gebiss nicht annehmen.

Zur Lösung des Problems:
Die kleine Acht zu Beginn im Schritt mit Zügel aus der Hand kauen lassen reiten. Auf der steiferen Seite übertreten lassen. Auf der hohlen Seite (meist rechts) schultervorartig reiten. Den Wechsel von einer Hand auf die anderen in Elipsenform reiten, um das Ausweichen besser abfangen zu können.

 

Das Pferd verwirft sich auf der Kreislinie im Genick

Durchlässigkeit_6

Das Pferd ist leicht im Genick verworfen. Stellung und Biegung sind noch nicht korrekt. Die Reiterin sollte mit dem inneren Schenkel mehr treiben, mit der äußeren Hand die Stellung im Hals zulassen.

 

Handelt es sich nicht um ein junges Pferd, das noch nicht ausreichend geradegerichtet ist oder liegt ein medizinischer Befund vor, dann liegt der Fehler meist am Reiter.

Die Lösung des Problems:
mit dem äußeren Schenkel das äußere Hinterbein zu einem aktiveren Abfußen und Vortreten veranlassen. Dabei sollte man allerdings darauf achten, dass man nicht zu viel Druck mit dem äußeren Schenkel macht, da das Pferd sonst traversartig nach innen ausweicht. Alle zwei bis drei Tritte oder auch Galoppsprünge eine Halbe Parade geben.
Mit der äußeren Hand die Stellung des Halses zulassen. Ist die äußere Hand zu starr oder wirkt sich rückwärts kann sich das Pferd nicht mehr korrekt auf die gebogene Linie einstellen.
Sollte sich beim Verwerfen die Nase zusätzlich hinter der Senkrechten befinden, kann es am zu kurzen Zügel liegen. Dann muss der Reiter den Hals vorlassen, sprich die Zügel entsprechend länger lassen.

Viele Ausbilder empfehlen, die äußere Hand beim Verwerfen im Genick höher zu nehmen und man sieht dann, dass die äußere Hand manchmal bis zu 20cm höher gehalten wird, als die innere. Das löst das Problem nicht. Die Vorgehensweise bietet nur für den Moment die Möglichkeit, ein Verwerfen kurzfristig zu unterbinden. Je nach Ausmaß des Verwerfens kann man sich damit auch nicht helfen. Man sollte gerade beim Verwerfen nach den Ursachen suchen. Diese können auch medizinischer Natur sein!

 

Weitere mögliche Ursachen:

  • wenn ein Pferd beispielsweise eine osteopathische Läsion im Bereich Atlas/Axis hat, wird es sich im Genick verwerfen, um den Schmerz durch den blockierten Wirbel zu umgehen.
  • Zahnprobleme können ebenfalls zu Verwerfen führen.

  

Das Pferd drückt sich gegen die innere Schulter und macht parallel den Versuch, sich nach außen zu stellen und sich so der korrekten Stellung zu entziehen. Dabei wird es eilig.

Beide Hälften der gerittenen Acht sind nicht gleich groß, geschweige denn gleich rund.

Bei diesem Fehler ist das Pferd nicht gerade gerichtet und in der Rippenpartie noch nicht auf beiden Seiten gleich geschmeidig.

So klappt es:
Zurück gehen zur großen Acht im Schritt. Auf dem Zirkel und bei der großen Acht immer wieder Trab und Galopp Zügel aus der Hand kauen lassen mit häufigen Handwechseln reiten.
Bei der kleinen Acht die Handwechsel im Schritt reiten und das Pferd korrekt auf die gebogene Linie einstellen. Je nach Ausbildungsstand Schultervorartig reiten. Das Pferd mit dem inneren Schenkel an den äußeren Zügel herantreiben. Auf der rechten Hand die linke Hand etwas tiefer stellen, um das Ausweichen des linken Hinterbeines abzufangen. Die rechte Hand etwas höher (nur wenige Zentimeter!) nehmen, jedoch nicht rückwärts wirken. Die Hand auf keinen Fall nach außen über den Kamm führen! Darüber kann man das Drücken gegen die innere Schulter etwas korrigieren. Die Hand jedoch nicht zu hoch nehmen, sonst kommt das Pferd mit der Nase hinter die Senkrechten. Mit Halben Paraden das Tempo regulieren.

 

Auf der linken Hand stolpert das Pferd mit dem inneren Hinterbein immer wieder.

Beim jungen Pferd:
Viele junge Pferde stolpern auf der linken Hand mit dem linken Hinterbein bei dieser Übung. Hat das keinen medizinischen Hintergrund, dann liegt es daran, dass es der Remonte schwerfällt, das innere – vor allem linke – Hinterbein vermehrt zu beugen. Es stupst quasi mit dem inneren Hinterhuf beim Vorschieben auf den Boden und das erscheint wie ein Stolpern. Im Laufe einer korrekten Ausbildung, wenn die Hinterhandgelenke geschmeidiger geworden sind, wird sich dieses Problem von sich aus erledigen. Es ist nicht notwendig, das Pferd dafür zu strafen.

Was kann man tun:
Ein unterstützendes vermehrtes Treiben mit dem inneren Schenkel und/oder ein leichtes Anlegen der Gerte wird das Pferd veranlassen, dass Hinterbein mehr zu heben. Das Tempo sollte dabei nicht eiliger werden.

Das Pferd auf der linken Hand auf der gebogenen Linie immer wieder im Schritt übertreten lassen.

Bei Rückenproblemen:
Auch Pferde mit Rückenproblemen neigen dazu, in Wendungen zu stoplern. Sie sind verspannt, Stellung und Biegung und das Senken der inneren Hüfte fällt ihnen schwer.
Hier sollte der Tierarzt oder Osteotherapeut erst grünes Licht geben, bevor man sich mit engeren Wendungen befassen kann. Bei Rückenproblemen kann konsequentes Zügel aus der Hand kauen lassen auf großen gebogenen Linien, häufige Handwechsel helfen oder auch viel Galoppieren im leichten Sitz helfen, eine grundsätzliche Geschmeidigkeit wieder herzustellen.

 

Wenn man versucht, die Acht zu verbessern und Fehler zu vermeiden, ist sie ein großer Schritt hin zu einem korrekt gerittenen Pferd, das sich loslässt und Hilfen durchlässt!

 

 

You can enable/disable right clicking from Theme Options and customize this message too.