Monthly:April 2018

Das große Durcheinander im Reitsport

 

An der Schwungentwicklung aus der Hinterhand muss man bei jeder Rasse gleichermaßen arbeiten.

 

In den letzten Wochen erhalten wir immer häufiger Mails von Pferdebesitzern, deren Pferde vermehrt Rückenprobleme haben und die entsprechenden Symptome aufweisen. Verspannungen, Fehlbemuskelung, Widersetzlichkeiten, extreme Triebigkeit bis hin zum Befund Kissing Spines.

Interessanterweise sind das durchgängig Pferde, die nach den alternativen Reitauffassungen geritten und „ausgebildet“ werden. Ohne Gebiss geritten, ohne Anlehnung, in einem viel zu langsamen – meist schon schleppenden – Tempo. Der Galopp nicht durchgesprungen, der Trab schon fast schleichend und im Schritt schlafen die Pferde schon im Laufen fast ein. Longiert wird irgendwie mit Kappzaum und die Pferde latschen auch da auseinander gefallen auf der Vorhand. Diese Reiter praktizierten im Laufe der Jahre endlos viele Varianten von Bodenarbeit, Horsemanship und was es da alles gibt. Geholfen hat es offensichtlich nicht, denn mit diesen Auffassungen wird das mit dem Gesunderhalten des Pferdes NIX!

Sicherlich wird der ein oder andere Vertreter dieser Methoden jetzt auf die Barrikaden gehen und uns als FN-Reiter, Tierquäler und was auch immer bezeichnen. Bevor man sich allerdings zu diesen Äußerungen hinreißen lässt, sollte man sich mit Biomechanik und funktioneller Anatomie befassen. Man sollte zuerst wissen, wie Muskeln (richtig) arbeiten, welcher Muskel in welcher Übung und Lektion wie zum Einsatz kommen muss und das eine Hügellandschaft auf dem Rücken – damit verbunden dann natürlich eine falsche Bemuskelung – immer ein Spiegel der Ausbildung sind.

Daran gibt es mal nichts zu rütteln und wenn das Pferd im Laufe seines Reitpferdelebens kaputt geht, dann hat man wohl etwas falsch gemacht. Auch, wenn man sich das nicht eingestehen will – Ende der Diskussion.

 

 

Das schlimme sind die Nebenkriegsschauplätze im Reitsport heute!

Nasen- und Sperrriemen…

Da findet man ein Foto von einem zufrieden aussehenden, jungen Pferd mit einer englisch kombinierten Trense. Die Besserwissen wissen dann natürlich sofort besser, dass das junge Pferd noch zufriedener aussehen würde, wenn der Sperrriemen weggenommen wird. Das, obwohl man auf dem Foto deutlich sieht, dass Nasen- und Sperriemen richtig und dementsprechend locker verschnallt sind. Das Pferd schon im Stehen auf dem Foto entspannt auf seinem Gebiss gekaut hat und sich leicht Schaum in den Maulwinkeln gebildet hat. Der allerdings NICHT stressbedingt ist!

Diese Leute hängen dann meist mit einem scharfen Gebiss oder irgendeiner alternativen Zäumung bei der einem die Haare zu Berge stehen, unruhiger Hand und schlechtem Sitz auf ihrem eigenen Pferd, dass sogar auf einem Foto schon als lahm zu erkennen ist. Dabei zerren sie ihrem armen Tier im Maul herum, da der Sitz nicht einmal so ausbalanciert ist, dass sie beim Leichttraben nicht mit den Unterschenkeln irgendwo herumrumschaukeln und die Hände beim Aufstehen nicht 30cm hoch und beim Einsitzen entsprechend wieder nach unten gehen.

Wichtig ist aber: Nasen- und Sperrriemen sind nicht in der Trense. Dafür hat das arme Tier das Maul aufgesperrt, um irgendwie dem Druck der harten Hand auszuweichen….

 

Das Leid mit dem hochgejubelten Kappzaum…

Da wird sich offen aufgeregt, dass Leute ihre Pferde korrekt ausgebunden mit Dreieckszügeln, Trense und Longiergurt longieren und die Pferde dabei schwungvoll nach vorne treten, das Gebiss annehmen, zufrieden bei geschlossenem Maul kauen und regelmäßig abschnauben.

Gebiss und Dreieckszügel beim Longieren? Unfassbar!“ Wie kann man nur?

Die gleichen Leute nutzen dann mit Überzeugung einen Kappzaum. Die Pferde laufen irgendwie krumm und schief an der Longe, weichen über die Schulter aus, drücken die Hinterhand nach außen, gehen nicht vorwärts, da die Wendung für diese steifen Tiere viel zu eng ist. Diese Leute reden dann noch von Stellung und Biegung beim Lognieren mit Kappzaum.

Wie wäre es hier mit „Grundlagen Biomechanik Teil 1“? Wenn man das gelesen und am besten noch verstanden hat, wird man erkennen, dass das vorgenannte nämlich nicht geht!

 

Barhuf um jeden Preis…

Die heutigen Bodenverhältnisse mit Schotter, Teer, Steinen, Pflaster sind anders als die, die das Ur-Pferd seinerzeit vorgefunden hat und es noch als Barhufer durch die Prärie lief. Da sind wir uns sicher alle einig. Dass sich der Huf durch heutige Bodenverhältnisse in der logischen Konsequenz mehr abnutzt als er nachwächst, ist vermutlich für den denkenden Reiter auch logisch. Ein sich mehr abnutzender als nachwachsender Huf wird dann mit der Zeit zwangsläufig immer kleiner. So wird auch die Unterstützungsfläche des Hufes für den in Relation massigen Körper weniger. Das führt mit der Zeit zu Verspannungen, da die Pferde kompensatorisch arbeiten müssen. Hinzu kommt, dass die Pferde mit der Zeit fühliger werden. Viele laufen wie auf Eiern. Mit diesen kleinen Hufen werden die interessantesten Übungen und Lektionen gemacht. Wenn die Pferde dann kaum noch vorwärts gehen, da ihnen schlicht die Füße wehtun, kann es noch passieren, dass diese Leute dieses Vermeiden von Vorwärtsgehen mit einem entspannten und versammelten Pferd verwechseln.

 

Gebisslos – koste es, was es wolle…

Dass das Gebiss eine gute Sache ist, wenn der Reiter reiten kann, ist unumstritten. Dazu  gibt es endlos viele Studien von namhaften Universitäten und internationalen Wissenschaftler-Vereinigungen. Dennoch ist das Gebiss ein Marterwerkzeug. IN den Augen manch eines Verfechters der Alternativen Reitauffassungen. Das Gebiss als Fremdkörper, das Gebiss als harte Eisenstange, das Gebiss als was auch immer.

Die gleichen Leute nutzen dann aber schon mörderische Gebisslose Zäumungen und kandarenartige Gebilde mit denen man dem Pferd mal eben den Nasenrücken oder Unterkiefer brechen kann oder die so viel Druck auf den Kopf ausüben, dass damit ein Großteil der Nervenaustrittstellen am Kopf des Pferdes überlastet werden.

Aber Bitte – auf jeden Fall ohne Gebiss.

Diese Leute erklären dann auch, dass sie ihre Pferde im Gelände nicht halten können, da die Pferde durchgehen. Diese Pferde haben dann in vielen Fällen vermutlich nicht zu viel Temperament, sondern sie laufen vor ihrem Schmerz davon. Ein Pferd, was korrekt geritten ist, sich loslässt und durchlässig ist, das geht nicht durch. Selbst, wenn es sich einmal erschrecken sollte, lässt es sich innerhalb weniger Meter wieder „einfangen“. Es fühlt sich sicher und wohl und hat keine Veranlassung durchzugehen!

 

Wir überlegen immer öfter, wies es zu diesem Durcheinander im Reitsport gekommen ist und warum wir täglich neue Methoden erfinden müssen? In den allermeisten Fällen werden die Pferde krank und haben frühzeitige Verschleißerscheinungen. Richtig reiten geht nicht mal eben und bis man es in aller Tiefe begriffen hat und umsetzen kann, reicht ein Leben vermutlich wirklich nicht aus. Vielleicht sollte man bei sich selbst anfangen, sich konsequent kritisch hinterfragen und überlegen, was man falsch gemacht hat, wenn etwas nicht funktioniert oder das Pferd krank geworden ist.

Wenn der Bauer nicht schwimmen kann, liegt es nicht an der Badehose…

 

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