Monthly:Oktober 2021

Wohin man schaut – Ausbildungsspezialisten

Wohin man schaut, es gibt nur noch Profis und Spezialisten – in allen Bereichen. Nicht selten stehe ich dann am Platz oder an der Hallenbande und denke so bei mir: „Aha…! Mal wieder ein ganz neuer (abenteuerlicher) Ansatz“. Und wupp, ist die Brille runter und bei 6 Dioptrien dann alles wieder mega….

Interessanterweise gibt es für die kuriosesten Ideen gerade im Pferdesport Abnehmer. Früher sagte man: Es steht jeden Tag ein Dummer auf, der das kauft. Das bestätigt sich mittlerweile täglich Hundertausendfach….
Oft frage ich mich, ob man nicht nachdenkt, die Zusammenhänge nicht begreift oder ob man da mitmacht, weil alle mitmachen … oder ob das Richtige zu schwierig ist. Reiten heute eher etwas für Wenig-Denker?

Felix Bürkner hat einmal gesagt: Ein Leben reicht nicht aus, um Reiten zu lernen. Das ist heute so richtig wie vor mehr als 100 Jahren. Vielleicht ist es heute noch Richtiger und wichtiger sich zu engagieren, das Richtige zu lernen. Wobei: Wer weiss bei der Menge der Angebote eigentlich noch, was richtig ist?

Ein Beispiel:
Nehmen wir ein 5-jähiges Dressurpferd. Gross, schlaksig, fast hypermobil, wenig und falsch bemuskelt, noch immer im Wachstum, nicht ausbalanciert – wie auch. Warum um Himmelswillen muss man so ein Pferd versammeln und aufrichten und das natürlich mit dem heute üblichen viel zu kurzen Zügel? Den fehlerhaften Sitz und das schon leicht rückenlahme Pferd scheinen dabei alle auszublenden/nicht zu sehen?
Der dazu passende Trainer findet es mega!
Das sieht man schon fast täglich auf Facebook und Co.
Denkt der stolze Reiter und/oder Besitzer vielleicht darüber nach, dass der der das für mega befindet, dass vielleicht a) nur tut, damit er weiter Umsatz generieren kann oder b) weil er von Biomechanik und funktioneller Anatomie, der Reitlehre, einem korrekten Sitz noch weniger als NULL Ahnung hat.

Ein anderes Beispiel:
Eine junge Remonde, vielleicht 3-4Monate unter dem Sattel lernt Seitengänge. Der dazu gehörige Trainer findet natürlich auch das mega. Das Pferd dagegen stolpert eigentlich nur durch die Bahn, bemüht sich, sich dabei nicht die Haxen zu brechen.
Die Zuschauer an der Bande sind begeistert vom Ausnahmetalent des Pferdes, der Reiter sieht sich schon im internationalen Kontext.
Denkt irgendeiner darüber nach, dass das für jedes Gelenk, Sehne, Knochen eigentlich eine vorsätzliche Verschrottung ist?

Ein weiteres Beispiel:
Da longiert jemand sein junges Pferd mit Dreieckszügeln und reitet die ersten 12-15 Monate meist nur im Leicvhttraben und übt Zügel aus der Hand kauen lassen, um die Grundgangarten zu verbessern, geht viel ins Gelände, um die Sehnen zu stärken, die Rezeptoren zu unterstützen.
Der gemeine Pöbel findet es öde, weil der kann ja nix und man muss sich anhören, dass das Pferd nur auf der Vorhand latscht. Ach und das Longieren am Dreieckszügel ist Tierquälerei. Befindet sich am Zaumzeug dann noch Nasen- und Sperrriemen, dann ist man der typische FN-Quäler.
Eines muss man ja zugeben: Diese Reit- und Ausbildungweise hält zwar gesund, ist aber nicht spektakulär. Und es ist keiner da, der das mega nennt.

Beispiele dieser Art könnte man zu Tausenden aufzählen. Tierärzte, die darauf hinweisen, dass das eigentlich nicht geht (die ersten beiden Beispiele) und die gesundheitlichen Risiken und Konsequenzen aufzeigen, müssen sich im schlimmsten Fall anhören, dass sie vom Reiten ja keine Ahnung haben.
Das mag oft durchaus so sein, nichts desto trotz haben die das studiert. Viele Semester lang. Der geniale Ausbilder in der Mitte im Allgemeinen nicht und richtig reiten kann er wohl auch nicht, sonst würde er so einen Humbug nicht verzapfen….
Trotzdem hört man lieber auf den Schwätzer in der Mitte als auf den Tierarzt oder den Ostetherpeuten der dann ständig versuchen muss die massiven Verspannungen irgendwie zu lösen, um dem Pferd die Schmerzen einigermassen erträglich zu machen.

Ausbildung ist in den ersten Jahren nie spektakulär. Auch wenn sich manch einer von (Verkaufs)Veranstaltungen wie Bundeschampionat und Co. blenden lässt. Ausbildung hat in den ersten Jahren nur ein Ziel: Das Pferd gesund zu erhalten, indem man Muskeln aufbaut, Sehnen und Bänder stabilisiert, für sorgt, dass Gelenke so arbeiten können, wie sie sollen und unterstützt, dass sich das Pferd im Laufe der Zeit im Gleichgewicht bewegen kann.
Das klappt übrigens wunderbar, indem man den Schub aus der Hinterhand aktiviert und die Rippen geschmeidig macht. Auf der Stelle hoppeln muss man dafür nicht…
Es sei denn, der sich reell entwickelnde Schwung ist für den „Mega“-Reiter nicht mehr zu sitzen. Der sollte dann nicht anfangen rückwärts zu reiten, sondern den eigenen Sitz verbessern.

Das ist dann wirklich echt mega!

 

Podcast Rückenprobleme

Unser erster Podcast ist fertig.

Rückenprobleme beim Pferd sind heute an der Tagesordnung. In unserer Podcast-Reihe „Rückenprobleme“ haben wir Fragen von Interessierten und Betroffenen aufgegriffen und diese in unseren Podcasts beantwortet.

 

Wenn Ihr also Fragen habt, schickt sie uns an info@anneschmatelka.com und wir nehmen diese in unseren nächsten Podcast mit auf!

 

Pferde mit Vergangenheit …. ein ganz besonderes Thema….

Pferde mit einer unschönen Vergangenheit können sich sehr unterschiedlich entwickeln. So, wie wir mit dem Pferd umgehen, so wie wir es behandeln, wie wir reiten und wie wir es ausbilden, so verhält es sich. Es kann unkompliziert und leichtrittig sein, alles spielerisch lernen, sich aber auch schwierig im Umgang und beim Reiten zeigen.

Oft hört man von Pferdebesitzern und Reitern, dass sie Pferde aus schwierigen Situationen gerettet haben, dass Vorbesitzer mit den Pferden grob umgegangen sind und das Pferd schlecht behandelt wurde. Solche Pferde können dann oft über Jahren noch Verhaltensweisen zeigen, die es einem als Reiter und Besitzer nicht immer einfach machen.

Nicht selten sind solche Pferde auch nach längerer Zeit im Umgang nicht unkompliziert, manchmal schreckhaft und nicht besonders zuverlässig. Man versucht Rücksicht zu nehmen und dafür zu sorgen, dass man sich selbst möglichst nicht falsch verhält, um beim Pferd nicht alte Muster auszulösen.

Die Frage ist allerdings oft, wie viel Rücksicht ist gut und wann sollte man auch mit einem Pferd „mit Vergangenheit“ so normal wie möglich umgehen? Oft denke ich über diese Dinge nach. Ein Paradebeispiel haben wir hier ja selbst stehen: Bamboo….

Durch unsere Arbeit sehen wir viele Reiter, die ihre Pferde auch beim Reiten mit äusserster Vorsicht behandeln, ein Rausheben beim Antraben oder Angaloppieren genauso rechtfertigen oder tolerieren wie ein nicht durchparieren wollen oder auch ein nicht ruhig stehenbleiben wollen – einfach weil diese Pferde eine Vergangenheit haben.
Die Frage, die dann oft gestellt wird ist: ist das richtig? Ehrlich gesagt: Jein.

Wenn man solche Pferde dann selbst reitet, erlebt man es oft, dass sie nicht gerade begeistert reagieren, wenn man diese – vielleicht kleinen Nachlässigkeit, aber leider mit langfristig grosser Wirkung – nicht zulässt. Das eine Pferd geht gleich in Opposition, denn es ist weniger anstrengend, wenn man in den Trab oder Galopp einfach hineinrennt, ohne dass das Hinterbein oder der Rücken richtig zum Einsatz kommen. Reiter und Besitzer macht das dann schnell noch unsicherer, denn die Angst, dem Pferd Schmerzen zuzufügen und sie glauben, dem Pferd erneut leid zuzufügen.

Andere Pferde wiederum sind dafür schnell dankbar und lassen sich vom richtigen Weg einfach überzeugen. Denn über den Rücken zu gehen, verhindert Verspannungen und so Schmerzen und gesundheitliche Schäden.

Auch bei Pferden mit Rückenproblemen und dem Befund Kissing Spines neigen viele Reiter dazu, nicht mehr richtig zu reiten aus Angst, dem Pferd Schmerzen zuzufügen und so latschen solche Pferde nicht selten auseinander gefallen auf der Vorhand vor sich hin. Das macht die gesundheitliche Situation nicht besser….

In vielen Foren und Social Media-Gruppen werden heute tausende von Erklärungen gefunden und Argumentationen aufgebaut, um zum einen richtiges Reiten – was heute immer weniger gelehrt wird – zu umgehen. Dabei wird die Vergangenheit in die Waagschale geworfen oder aber die gesundheitliche Situation. So haben immer weniger Pferde heute eine Richtung und nicht selten würde es helfen, wenn man als Besitzer und oder Reiter einfach konsequent den eigenen Sitz und die eigene Einwirkung verbessert, um so das Zusammenwirken der Hilfen zu optimieren, um dem Pferd durch auch unter dem Reiter Sicherheit und Gesundheit zu ermöglichen.

Vor einiger Zeit habe ich eine Dame kennengelernt, die eine Trainerin für Bodenarbeit verpflichtet hat. Diese Dame arbeitet mit dem Pferd jede Woche einmal von unten an der Dehnungshaltung. Natürlich war ich neugierig und wollte wissen, was man da so macht. Die Dame führte das Pferd im Kreis und zog dabei immer wieder den Kopf nach unten und erklärte, dass das Pferd darüber das Zügel aus der Hand kauen lassen schon einmal vom Boden aus erlernen kann, um das später leichter unter dem Reiter umzusetzen. Auf meine Frage hin, warum man das so macht kam folgende Erklärung: Das Pferd war vor Jahren bei einem Dressurreiter in falsche Hände gekommen und wurde in Rollkur geritten. Durch dieses Trauma sei es heute – nach gewaltigen fünf Jahren bei der neuen Besitzerin – noch immer nicht in der Lage, über den Rücken zu gehen und die Nase vorzunehmen.

Betrachtete man sich den Bewegungsablauf genau dieses Pferdes, war deutlich zu sehen, dass das Pferd steif war. Es wurde im Schneckentempo geritten und drückte dabei verständlicherweise den Rücken weg. Das Hinterbein war nicht aktiv. Das Pferd klemmte und liess natürlich den Hals nicht fallen. Das war aber nicht der Fehler aus der fünf Jahre zurück liegenden Reitweise des Dressurreiters gewesen, sondern schlichtweg das falsche Reiten heute.

Das Pferd hatte sich aber an das Schneckentempo und die Schmerzen irgendwie gewöhnt und fügte sich quasi in Form einer erlernten Hilflosigkeit diesem Schicksal. Vor einem Jahr hatte die Besitzerin einen Ausbilder kennengelernt, der in das Pferd wieder einen „Gang reinbringen wollte“ wie sie es nannte.

Er hatte das Pferd ziemlich fleissig vorwärts geritten und wie ich auf dem Video sehen konnte, war das alles recht ordentlich. Er wollte zurück zum Reiten der jungen Remonte. Nase an der Senkrechten, Zügel ausreichend lang, durch das Vorwärtsreiten, das Hinterbein wieder zum einem aktiven Abfassen anregen, um so das Pferd zu veranlassen, die Anlehnung wieder zu suchen und darüber mit der Zeit die Grundgangarten wieder zu verbessern und den Rücken zum Schwingen zu bringen. Ähnlich hätte ich es sicher auch gemacht. Das Pferd allerdings fand dieses Training ausgesprochen Schweisstreibend und hat sicherlich Muskeln einsetzen müssen, von denen es nicht einmal mehr wusste, dass es sie hat. So war es von der Rennerei nicht gerade begeistert. Am nächsten Tag war das Pferd laut Besitzerin schlecht gelaunt und konnte vor Schmerzen nicht laufen. So wurde der neue Ansatz sofort wieder eingestampft und man ging zum alt Bewährten (falschen) zurück.

Dass das Pferd eventuell Muskelkater hatte und sonst nichts wurde weder von der Besitzerin noch von der Bodenarbeitstrainerin in Betracht gezogen. Heute wird das Pferd hauptsächlich geführt, damit es das Trauma von dem Dressureiter verarbeiten kann und es nicht mehr so misshandelt werden muss, wie von dem jungen Mann, der das alles ziemlich richtig gemacht hat.

 

 

 

 

 

 

Klassische Reitkunst – was soll das sein?

Pferdeausbildung heute…

Der Reitsport ist heute nahezu unüberschaubar geworden.
Wenn man sich die vielen Auffassungen und Methoden betrachtet, die nahezu perfekt aufgebauten Darstellungen der vielen selbsternannten Fachleute und Spezialisten mit allen ihren Vorgehensweisen, dann ist es fast unmöglich, den richtigen Weg einzuschlagen – bei dem das Pferd gesund bleiben kann.

Wenn es zu gesundheitlichen Problemen kommt und man erkennt, dass man mit der bisher vertretenen Vorgehensweise nicht mehr weiterkommt, sucht man Hilfe und landet in einem Wirr-Warr von Meinungen, Methoden und teils mehr als kreativen Ideen. Nach eingehender Analyse, dem Kampf durch Chats und Foren ist man meist mehr als ernüchtert: Die Verwirrung und Unsicherheit sind grösser geworden als je zuvor und so wendet man sich schon fast verzweifelt an den, der seine Ideen mit den tiergerechtesten Worten verpackt und hofft inständig, dass der jetzt eingeschlagene Weg bitte bitte der richtige sein mag….

Die Klassische Reitkunst

Was ist eigentlich klassische Reitkunst? Vor allem, wieso klassisch? Fällt unter klassisch ein Francois Baucher, die Legerete, akademische Reitkunst, die Skala der Ausbildung oder die überlieferten Grundsätze der Ausbildung niedergeschrieben in der H.Dv.12/1937?

Geht klassisch in Richtung eines Baucher oder der neuen Interpretation der Legerete, dann ist dieser Weg genauso gescheitert wie zu Zeiten eines Baucher, da weder erste noch die zweite Manier auch nur im Ansatz pferdegerecht waren. Die heutigen Ableger dieser Auffassung und das damit verbundene Reiten und Ausbilden ohne Schub aus der Hinterhand, ohne korrekte Anlehnung, ohne Zügel aus der Hand kauen lassen etc. enden fast immer in einem Pferd, das neben den ständig zunehmenden Rückenproblemen, einer schlecht entwickelten Muskulatur auch noch jede Freude an der eigenen Bewegung verloren hat.

Klassisch heute = frühe Versammlung?

Wenn klassische Reitkunst gleichgesetzt wird mit früher Versammlung, dann ist auch das der falsche Weg, denn dann arbeiten Muskeln irgendwann in Dauerverspannung und das führt bekanntlich zu massiven gesundheitlichen Problemen. Mit dem jungen Pferd frühzeitig mit Versammlung, Seitengängen und „setzender“ Arbeit zu beginnen bedeutet immer eine Fehlbelastung und Überlastung von Gelenken, Bändern und Sehnen, denn dem Pferd fehlt die notwendige Elastizität und die Kraft, die sich bekanntermassen erst über Jahre langsam schaffen lässt.

Klassisch = Seitengänge, Seitengänge, Seitengänge?

Seitengänge sind gut und wichtig, aber sie gehören nicht in die Ausbildung der Remonte. Da führen sie nämlich nur zum Ausweichen und zu Überforderung. Vor allem auch MENTAL! Rippengeschmeidigkeit kann man genauso gut über grosse gebogene Linien, Achten, häufige Handwechsel und Schlangenlinien verbessern. Das ist dann auch pferdegerecht und entspricht dem Ausbildungsstand der jungen Remonte: BASICS schaffen…

Klassisch = ein schleppendes Tempo ohne Schub aus der Hinterhand?

Schaut man sich die Pferde an, die heute nach der Methode der „klassischen Reitkunst“ geritten werden, hat das mit den überlieferten Grundsätzen der Ausbildung nichts zu tun. Diese sind in der H.Dv.12/1937 niedergeschrieben und sind in meinen Augen die wirkliche klassische Reitkunst.
Aufgebaut auf den Grundlagen der funktionellen Anatomie findet hier Schwungentwicklung auf dem richtigen Weg statt. Aus den Verstärkungen oder wie man es früher nannte aus den „freien Gängen“. „Fleissiges Vorwärtsreiten bei angenommenem Gebiss und hergegebenem Rücken bei an die Senkrechte vorgelassener Nase“ – so Herr Stecken – ermöglichen es, dass alle Muskeln richtig arbeiten, ausreichend mit Sauerstoff und damit mit Nährstoffen versorgt werden. Schleppende Gänge mit durch den Sand gezogenen Hinterbeinen machen irgendwann jedes Pferd krank.

 

Mit könnte die Aufzählungen noch über viele Seiten weiterführen und auch die in diesem Bereich vielfach gepriesene Piaffe im Detail betrachten. Auch da käme man dann zu er Erkenntnis, dass das Leben eines Pferdes a) nicht an der Piaffe hängt und b) die wenigsten diese heute wirklich noch richtig reiten können, aber gerne viel darüber reden.

Vielleicht sollten wir heute mit weniger Superlativen und wohlklingenden Worten arbeiten und uns nicht mit neuen Methoden und Auffassungen schmücken. Diese braucht der Reitsport nicht und das Pferd braucht sie noch viel weniger. Warum halten wir es nicht wie Horst NiemacK? Der würde nämlich jetzt sagen: „Es gibt in der Reiterei nichts Neues zu erfinden, nur Bewährtes zu bewahren“.

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